Flankengott

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Wie lasse ich denn nun spielen? Ballbesitz oder Balleroberung?

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Es gilt immer noch als logisch, dass die Mannschaft mit dem meisten Ballbesitz a) die bessere Mannschaft ist und b) gewinnen wird. Spielstatistiken weisen immer auch den Wert des Ballbesitzes aus. Nur ist dieser wirklich relevant und aussagekräftig?

Mannschaften sind heute ebenso erfolgreich, selbst wenn der Ball vor allem in den Reihen des Gegners zirkuliert. Denn heute ist ballbesitzlose Dominanz gefragt.
Im Prinzip gibt es im Fußball zwei Grundstrategien.

1. Ballbesitzorientierung: Man versucht das Spiel zu kontrollieren und das Spielgeschehen zu bestimmen. Man versucht sich durch im Regelfall ruhigen Spielaufbau nahe an das gegnerische Tor heranzuschieben. Bei dieser Spielweise versucht man ein Übergewicht im Mittelfeld zu erzielen. Nach Ballverlust versucht man den Gegner durch schnelles Pressing (5 Sekunden Regel bei Barca: nach Ballverlust wird 5 Sekunden lang, z.T. mit Doppeln, versucht, den Ball zurückzuerobern, ansonsten geht’s in die Grundformation zurück) den Ball möglichst schnell wieder abzujagen. Bei dieser Spielweise rücken die Innenverteidiger bei eigenen Angriffen häufig bis zur Mittellinie auf und die Abwehr lässt sich bei Ballverlust nicht sofort an die Strafraumkante zurückfallen.
Vertreter dieser Spielweise sind unter anderem: Bayern München, Hamburger SV

2. Konterfußball/Balleroberung: Der Ballbesitz und das Mittelfeld wird größtenteils dem Gegner überlassen. Man selbst versucht in und um den Strafraum möglichst kompakt zu stehen und keine großen Lücken zu lassen. Wenn man selbst den Ball gewonnen hat versucht man bei dieser Spielweise blitzschnell in den Angriff überzugehen, teils auch mit weiten Risikobällen. Die Stürmer, die die weiten Bälle dann verwerten sollen, haben häufig verhältnismäßig viel Platz, da der Gegner bei eigenem Ballbesitz seine Verteidiger aufrücken lies. Nach Ballverlust kehren sofort alle Spieler in die Defensive Grundordnung zurück, damit der Gegner seinerseits nicht schnell spielen kann.
Vertreter dieser Spielweise sind unter anderem: Hannover 96, VfL Wolfsburg
Gibt es eine Korrelation zwischen dem Spielergebnis (Sieg oder Niederlage) und dem Ballbesitz bei Fußballspielen?

Dabei wurden 180 Spiele untersucht:

Heimsiege: 76 x
Auswärtssiege: 41 x
Unentschieden: 63 x

Mehr Ballbesitz = Sieg: 65 x
Mehr Ballbesitz = Niederlage: 52 x
Rest Unentschieden: 63 x

Heimmannschaft mehr Ballbesitz 102 x
Auswärtsmannschaft mehr Ballbesitz 91 x

Von den reinen Zahlen her kann es keine direkte Korrelation zwischen Sieg und Ballbesitz bzw. Sieg und Balleroberung geben, da die Qualität des Ballbesitzes endscheidend ist. Das heißt, wenn eine Mannschaft insgesamt kompakt steht und es schafft bei Balleroberung in wenigen Sekunden zum Torerfolg zu kommen, ist das eine hohe Ballbesitzqualität, obwohl insgesamt dem Gegner der restliche Ballbesitz zufällt.

Gibt es Voraussetzungen für eine offensive Spielweise?

Offensiv, das heißt eine auf Ballbesitz ausgelegte Taktik, sollte man tatsächlich nur spielen, wenn die Abwehr und das Mittelfeld im Gegensatz zum Sturm besser als der Gegner ist, da alle Spieler aufrücken, bei Ballverlust jedoch schnell reagieren und im Zweifelsfalle schnell wieder in die Grundordnung zurückkehren. Es gibt somit Torchancen auf beiden Seiten, deswegen sollte man auch ein Detail beachten: der eigene Torwart muss besser sein als der gegnerische.

Ballbesitz:

Abwehr und Mittelfeld haben durch den auf Ballbesitz ausgelegten Stil viele 1:1 Situationen, da sie viel kombinieren und in Bewegung sind. Wenn dann eine Lücke erzeugt wurde, kommt der Sturm durch einen vertikalen Pass zum Einsatz und muss verwandeln. Stürmer sollten also, wenn möglich, abschlusssicher sein.

Konter/Balleroberung:

Abwehr und Sturm sollten besser als der Gegner sein, da es sehr viele Zweikämpfe gibt. Auch die Laufbereitschaft und die Längen der Laufwege sind weiter als beim Gegner. Das geht nur mit entsprechender Physis. Das Mittelfeld muss nicht besser sein, da es meist überspielt wird.

Ballbesitz ist längst kein zwingender Faktor mehr, wenn es darum geht, Dominanz zu erzeugen. Das weiß natürlich auch Joachim Löw. „Die Dinge haben sich eben verändert“, sagt der Bundestrainer. „Vor wenigen Jahren hat man noch gesagt, die Mannschaft, die den meisten Ballbesitz hat, gewinnt. Das ist falsch. Ballbesitz ist gar nicht mehr so entscheidend. Entscheidend ist die Effizienz.“ Gleiches Fazit wie oben: Qualität des Ballbesitzes ist entscheidend.
Noch drastischer formuliert es Uwe Rapolder: „Zu lange Ballzirkulation ist tödlich.“ Seinen Bielefelder Systemfußball kann man als Prototyp dieses auf ballbesitzlose Dominanz angelegten Fußballspiels bezeichnen. Schon Ende der Saison 2004/2005 behauptete Rapolder: „Wir haben alle Spiele verloren, in denen wir mehr Ballbesitz hatten.“ Zirkuliert der Ball nämlich lange durch die eigenen Reihen, hat die gegnerische Abwehr genug Zeit, ihre Ordnung zu finden. Nachdem die athletischen Fähigkeiten der Bundesligafußballer in den 90er Jahren massiv verbessert wurden und taktische Abläufe wie das Verschieben und das Erzeugen von Überzahl in Ballnähe Standard geworden sind, hilft die „optische Überlegenheit“, wie Fernsehreporter gerne sagen, nur noch selten.

Ist die Abwehr erst mal sortiert, öffnet sich auch nach ausgiebigen Kombinationsstafetten nur noch sporadisch die Lücke zur zwingenden Chance. Große Individualisten sind dann nötig, Leute die den verengten Raum mit einem genialen Pass, mit einem rasanten Dribbling oder einer kunstvollen Flanke öffnen können. Der FC Barcelona beherrschte diesen Zauber fantastisch, und wenn die Faktoren Einzelkünstler und Kombinationssicherheit sich mischen, ergibt sich mitunter eine Schönheit des Spiels, die für Viele unübertroffen ist. Arsenals Trainer Arsène Wenger sagte einmal, er erlebe diesen Moment des höchsten fußballerischen Genusses nur „drei, viermal pro Saison“. Für die meisten Teams wird solch ein Spiel aber immer Utopie bleiben.

Denn wenn die Individualisten fehlen oder außer Form sind, wirkt dieser auf Ballbesitz ausgerichtete Spielansatz oft hilflos. Die von den Stars wie Ruud van Nistelrooy oder Roy Makaay bereinigte holländische Nationalmannschaft erlebte dies vor Jahren, und der früher so virtuos kurzpassende SC Freiburg war zuletzt Jahre lang so etwas wie der Großmeister der Ineffizienz. Aufgrund der vorübergehenden Schwächen von Ronaldinho, Deco oder Lionel Messi und der Verletzung von Samuel Eto’o unterlag selbst der FC Barcelona in der damaligen Champions League völlig verdient dem FC Liverpool, der sein Spiel darauf anlegt, den Ball schnell und geradlinig nach vorne zu tragen. Der Titelverteidiger hatte im Heimspiel in Barcelona, das er mit 1:2 verlor, 62 Prozent Ballbesitz. Das Spiel wurde zur eindrucksvollen Darbietung der Vergeblichkeit des Kombinierens. Genauso passierte es letztes Jahr in dem der FC Chelsea sich bis zum CL-Sieg „mauerte“ und die technischen Kombinierer bis zur Verzweiflung, Frustration und Aufgabe zwang.

In der Bundesliga ist es mittlerweile so, dass häufiger jene Teams gewinnen, die seltener am Ball sind. Nach dem 29. Spieltag in der Saison 10/11 gab es 94 Siege der optisch unterlegenen Mannschaft, und nur 77 Gewinner mit mehr Ballbesitz. 15 mal gewann eine Mannschaft mit einem Wert von genau 50 Prozent. Immer mehr Trainer gehen daher dazu über, nach Ballgewinn schnell, riskant und schnörkellos nach vorne zu spielen. Die Erkenntnis des norwegischen Taktikfuches Egil Olsen, dass man innerhalb der ersten 20 Sekunden nach dem Ballgewinn – so lange dauert es etwa, bis eine Abwehr ihre Idealordnung gefunden hat – die besten Chancen auf einen Torerfolg besitzt, hat sich durchgesetzt.

Ralf Rangnick führte schon vor Jahren den Begriff „Vertikalfußball“ ein, als Gegenmodell zum Querpassspiel der Nationalmannschaft vor der Ära Klinsmann, dass Kontrolle nur vortäuschte. In der Saison 2004/2005, als Schalke unter dem damaligen Trainer Rangnick Zweiter in der Bundesliga wurde, hatte die Mannschaft durchschnittlich nur 48,6 Prozent Ballbesitz. Nach Eroberung des Spielgerätes versuchten die Spieler umgehend, den schnellen Ailton anzuspielen. Der rannte und schloss ab. Klar, dass der Ball dann schnell wieder beim Gegner war. Oft allerdings zum Anstoß nach Gegentor.

Nun ließe sich einwenden, dass es sich bei diesem Spielansatz um nichts anderes als das klassische Konterspiel handle. Energie Cottbus wäre dann so etwas wie ein leuchtendes Vorbild, denn die Lausitzer schafften damals mit dem sagenhaft niedrigen Wert von 41,6 Prozent Ballbesitz 10 Siege nach 29 Spielen der abgelaufen Saison und standen damit auf dem siebten Tabellenplatz. Für den damaligen Trainer Petrik Sander besitzt die Menge des Ballbesitzes trotzdem „eine gewisse Wertigkeit“. Energie spielt seinen Konterfußball aus einer Notlage heraus, denn „wenn wir anfangen auf Ballbesitz zu spielen, dann würden wir so viele Fehler produzieren, die es dem Gegner sehr, sehr leicht machen würden, gegen uns Tore zu erzielen“, erklärt der Trainer.

Schalke, Wolfsburg, Hannover, aber auch Teams wie dem FC Liverpool oder dem FC Chelsea gelingt es hingegen, trotz geringerer Spielanteile dominierend zu sein. Das ist die eigentliche Neuerfindung. „Wir verteidigen, um anzugreifen“, sagt Slomka, der Trainer von Hannover 96. Die Defensivarbeit ist strategisch so ausgerichtet, dass der Ballgewinn möglichst in Situationen erfolgen soll, aus denen sich ein schneller Gegenangriff entfalten lässt. Ein gewonnener Zweikampf mit folgendem Ballbesitz bei aufgerücktem Gegner ist natürlich viel wertvoller als ein Zweikampf, an dessen Ende der eigene Torhüter abschlagen darf. Klinsmann und Löw haben schon früh daher die „aktive Balleroberung“ als eine von fünf Leitlinien der „Deutschen Spielphilosophie“ eingeführt, die nun an der Hennes-Weisweiler-Akademie gelehrt wird. Es geht nicht mehr darum, in der Defensive zuallererst das Spiel des Gegners zu verhindern, richtig gute Defensivspieler legen es vielmehr konsequent darauf an, den Ball in einem möglichst günstigen Moment zu stehlen.

Spieler, die häufig an qualitativ hochwertigen Ballgewinnen beteiligt sind, agieren meist unauffällig. Sie sind es aber, die das ganze Team um einige Prozent besser erscheinen lassen. Fabian Ernst, erfüllte diesen Job früher beispielsweise mit Bravour, Torsten Frings war ein Meister des Fachs und nach Michael Ballacks Defensivgrätschen landete der Ball fast immer im Fuß eines Mitspielers. „Spiele werden in einer Mittelfeldzone gewonnen, wo es darum geht, Zweikämpfe zu gewinnen, um dann die Ausgangspositionen zu erarbeiten, aus denen das schnelle Spiel möglich ist“, sagt Slomka. Idealerweise ereigne sich der Ballgewinn „im Zentrum des Spielfeldes und möglichst weit vorne“, ergänzt Löw. „Du kannst den Ball zwar außen einfacher gewinnen, aber zentral hat man mehr Gestaltungsmöglichkeiten“, meint der Bundestrainer. Sechs Spieler tragen die Hauptverantwortung für solch hochwertige Ballgewinne: die beiden Innenverteidiger, zwei zentrale Mittelfeldspieler und die beiden Stürmer.

Der englische Kick and Rush weist viele Ähnlichkeiten mit dem ballbesitzlosen Dominanzfußball auf. Deshalb gibt es auf der Insel schon lange ein ausgeprägtes Gefühl für die Bedeutung bestimmter Mittelfeldzweikämpfe. Vielleicht ist dieses Bewusstsein ein Mosaikstein der gegenwärtigen Dominanz des englischen Klubfußballs, jedenfalls applaudieren die Leute auf der Insel oft frenetisch, wenn ein Spieler den Ball 35 Meter vor dem eigenen Tor erobert. Das hat nicht nur mit der Wertschätzung von körperlichem Einsatz zu tun. Es gibt einfach ein feineres Gespür für die Bedeutung dieser Spielsituation.

Doch auch in Deutschland wird der Wert des Defensivzweikampfes fürs Offensivspiel immer höher geschätzt. Rangnick erfand einst sogar den Begriff des „Pressingopfers“, der einen Spieler markieren soll, der technische Schwächen hat. Der wird dann vom Gegner absichtlich frei gelassen, damit er den Ball erhält, während alle mit einem einfachen Pass erreichbaren Mitspieler zugedeckt werden. So lassen sich qualitativ hochwertige Ballgewinne provozieren. So übt man Dominanz aus, ohne den Ball zu haben.

Übrigens, als nächstes werde ich über Fußball, das „ungerechteste Spiel der Welt“ schreiben. Dort wird erklärt, dass es so gesehen, völlig egal ist, wie man in einer Liga spielt. Man kann gewinnen oder verlieren innerhalb einer Liga und sogar Amateure gegen Profis (z.B. Pokalwettbewerbe). Qualität setzt sich nämlich nicht immer unbedingt durch.
(Zitate und Abschnitte aus Rund-Magazin)

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